Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.
LG Lagergemeinschaft Ravensbrück/ Freundeskreis e.V.
Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark
Ein verschwiegenes Kapitel
Eigentlich ist das ehemalige Lagergelände des Mädchenkonzentrationslager Uckermark nicht zugänglich. Zum Abschluss des diesjährigen FrauenLesben-Workcamps jedoch wurde von den Projektteilnehmerinnen ein öffentlicher Rundgang durchgeführt.
Nicht weit vom KZ Ravensbrück wurde 1941 der Bau eines „Jugendschutzlagers“ begonnen. Nachdem das Lager von Häftlingen aus Ravensbrück erbaut worden war, wurden im Juni 1942 die ersten Mädchen und jungen Frauen dort inhaftiert. Als „Jugendschutz“ deklariert, war es in Wirklichkeit ein Konzentrationslager, das später zu einem Sterbe- und Vernichtungslager wurde.
Das Lager hatte eine eigene Verwaltung, es gab SS-Wachpersonal und „Erzieherinnen“ aus der Jugendfürsorge. Wie das Gelände in Ravensbrück auch, wurde es nach der Befreiung von der Roten Armee genutzt und kann erst seit dem Abzug der GUS-Truppen erforscht werden. Die Erforschung des Geländes und die Sicherung der Erinnerungen von Überlebenden wird allerdings nicht vom Land Brandenburg und seinen Institutionen getragen, sondern von Freiwilligen auf eigene Kosten getan.
Seit 1995 findet jährlich im Sommer ein FrauenLesben-Baucamp auf dem Gelände des Mädchen-KZs in der Uckermark statt. Dieses sieht sich mit verschiedenen Problemen konfrontiert: ungeklärten Eigentumsverhältnissen und überhaupt keiner Förderung. Den allergrößten Teil des Jahres ist der Zutritt zum Gelände verboten, da niemand weiß, was sich im Boden befindet. Die Ausgrabungen und Rundgänge bedürfen einer Sondergenehmigung des Bundesamtes für Immobilienaufgaben, in dessen Besitz sich das Gelände befindet.

Die Frauen des Netzwerks Uckermark haben in den letzten Jahren eine unglaubliche Arbeit geleistet: Sie haben an mehreren Stellen die Fundamente der Baracken freigelegt, einen kleinen Rundgang errichtet, Überlebende ausfindig gemacht und Geschichten über das Lager gesammelt. Teile der Geschichten sind auf Tafel festgehalten, die den Rundgang begleiten.
Das Jugend-KZ Uckermark ist bisher ein verschwiegenes Kapitel in der Geschichte der NS-Geschichte. Das liegt unter anderem daran, dass die Mädchen und jungen Frauen, die dort inhaftiert waren, das Stigma ihres Verfolgungsgrundes „asozial“ sowohl in DDR als auch in der BRD nicht loswurden. „Asozialität“ war in der DDR ein Straftatbestand, und auch in der BRD wurde diese Seite der NS-Gesellschaft nicht aufgearbeitet. Das führte dazu, dass sich die Jugend- und Sozialämter nicht mit ihrem Beitrag zur Verfolgung von Menschen im Dritten Reich auseinandersetzen mussten.
Mitunter standen die ehemaligen Häftlinge nach 1945 ihren alten Verfolger/innen und Peinigern erneut gegenüber. Aber auch in den Opferverbänden war für die als „asozial“ verfolgten kein Platz. Was die Nazis unter „asozial“ verstanden, konnte sein, dass eine ihren Lebensunterhalt als Sexarbeiterin verdiente, aus „ungeordneten“ Familienverhältnissen kam, einer regulären Lohnarbeit nicht nachging oder eine als „abweichend“ definierte sexuelle Orientierung hatte. Dinge, die auch in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften stigmatisiert wurden. Diese Stigmatisierung setzt sich in der Ignoranz der Geschichte dieses Lagers durch die BRD, das Land Brandenburg fort.
Auch das neue Wegeleitsystem in der Gedenkstätte Ravensbrück verharmlost die Geschichte des Lagers. Zwar gibt es eine Stele, die auf das ehemalige Lager hinweist, allerdings wird es nicht als Mädchen- und Jugend-KZ, späteres Vernichtungslager von Ravensbrück bezeichnet, sondern in echter Naziterminologie als „Jugendschutzlager“ deklariert. Um Jugendschutz ging es beim Mädchen-KZ nicht. Es ging um die Elimination unerwünschter Frauenexistenzen, um die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und nichts sonst.
VVN-BdA e.V. - Land Brandenburg
VVN-BdA Lagergemeinschaft Ravensbrück/ Freundeskreis e.V.