Herr Landtagspräsident, Frau Ministerin, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
seitens der Lagergemeinschaft Ravensbrück / Freundeskreis begrüße ich Sie ganz herzlich. Unser besonderer Gruß gilt den Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück und des Jugendlagers Uckermark, die heute unter uns weilen, unter ihnen ehemalige Häftlinge, die als Kinder die Hölle von Ravensbrück erleben und durchleben mußten. Wir freuen uns sehr, daß Sie diesen Gedenktag heute gemeinsam mit uns begehen.
Mit den Veranstaltungen zum Jahrestag der Befreiung wollen wir aller Opfer des Konzentrationslagers Ravensbrück gedenken, dabei aber immer an eine Opfergruppe im besonderen erinnern - in diesem Jahr an die Kinderhäftlinge. Kinderhäftlinge! Schon dieser Begriff ist barbarisch. Unschuldige Kinder als Häftlinge! Es gibt viele Berichte von Überlebenden über die Kinder im KZ Ravensbrück. In einem Mitteilungsblatt der österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück (Dezember 1970) wird eindringlich die Situation der Kinder im Lager beschrieben:
"Die Kinder im Frauen-KZ Ravensbrück stammten aus fast allen Ländern Europas. Unter ihnen solche, die nach dem Warschauer Aufstand mit den Frauen ins Lager kamen, andere mit russischen Frauen, die, mit ihrem Hab und Gut aus ihren Heimatorten vertrieben, manche schwanger oder Säuglinge im Arm, die größeren Kinder an der Hand, das Lager Ravensbrück betraten. - Kinder, die aus anderen Lagern kamen, dort durch die Selektionen durchgeschlüpft waren und nach der Evakuierung des Lagers auf Transport nach Ravensbrück geschickt worden waren.
.. Viele unter ihnen im Lager geboren, die Mutter gestorben oder vergast und sie durch Zufall am Leben geblieben. Ihr Frühstück war das Schreien der SS und der stundenlange Zählappell. Ihr Mittagessen widerliche Steckrüben und ihr Abendbrot wieder Zählappell und die Angst vor dem nächsten Tag. ... In dieser entsetzlichen und finsteren Lagerwelt bekamen die Kinder schon einen verbitterten Zug um den Mund. Geheimes Grauen sprach aus ihren Kinderaugen. Sie konnten diese Welt nicht verstehen."
In dieser Grausamkeit des Lagers gab es aber auch das Mitgefühl und die Solidarität der erwachsenen Häftlinge. Sie bemühten sich, den Kindern heimlich zu helfen, ihnen eine Freude zu machen, sie zu unterrichten. Unbemerkt von den Aufseherinnen wurden Kleidungsstücke für Kinder gefertigt, denen die Lagerkleidung ja viel zu groß war. Zwischen mutterlosen Kindern und einzelnen Häftlingsfrauen entwickelte sich oft eine besonderes enge Beziehung. Diese 'Lagermütter' versorgten und beschützten 'ihre' Kinder.
Ein bescheidener Höhepunkt im Leben dieser Kinder war die Weihnachtsfeier im Dezember 1944, die durch die internationale Solidarität der Häftlinge ermöglicht wurde. Für die meisten der anwesenden Kinder war es die letzte Freude in ihrem kurzen Leben. Bertl Lauscher beschließt ihre Schilderung im Mitteilungsblatt der Österr. Lagergemeinschaft mit einer persönlichen Bemerkung:
"Zur Weihnachtszeit muß ich immer an die Kinder von Ravensbrück denken, besonders an jene, die ich selbst betreute mit dem Wenigen, das uns zur Verfügung stand. Damals war ich seit kurzer Zeit in der Effektenkammer beschäftigt und hatte so die Möglichkeit, warme Sachen für die Kinder zu organisieren, Bleistifte und Papier zu beschaffen sowie von meiner Brotration etwas abzugeben. Sie warteten oft vor dem Tor zur Effektenkammer auf mich. Unter ihnen war ein holländisches Mädchen im Alter von etwa 6 Jahren. Dieses Mädchen hatte in Auschwitz alle Selektionen überlebt und kam nach der Evakuierung des Lagers mit einem Häftlingstransport nach Ravensbrück. Ihre ganze Familie wurde in Auschwitz ermordet. Ich hätte gerne im Fall des Überlebens das Kind mit nach Hause genommen. Dieses Kind hatte ich kein einziges Mal lachen gesehen. Vom Tod sprach es wie von etwas Selbstverständlichem und Unabänderlichem. ... Aber eines Tages war es wieder so weit. Anfangs 1945 kam meine Kameradin Relly Eisner zu mir gelaufen und schrie: ... 'Deine Kinder gehen weg!' Wir rannten, aller Gefahren nicht achtend, ... zum Lagertor. Es war zu spät. Die SS hatte den Lagerplatz vor dem Lagertor besetzt. Wir mußten zuschauen, wie die Kinder gemeinsam mit alten Frauen aus dem Lager geführt wurden - in den Tod! Heute noch könnte ich schreien, wenn ich daran denke."
So weit der Bericht von Bertl Lauscher, aus dem Jahre 1970. Vergessen wir nie, was in diesem Lager geschah! Vergessen wir nie die Kinder von Ravensbrück!
Aus gegebenem Anlaß möchte ich noch etwas hinzufügen: Erhalten wir die wenigen vor Ort noch vorhandenen Zeugnisse dieser Barbarei, die hier im Namen des deutschen Volkes praktiziert wurde! Wir sind sehr froh darüber, daß dieser Bereich zu beiden Seiten der Lagerstraße 1 fertiggestellt ist. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß 57 Jahre nach der Befreiung und 8 Jahre nach der Freigabe des Geländes durch die GUS-Truppen weite Teile des Stammlagers des Frauen-KZ Ravensbrück sowie das Siemenslager und das Jugendlager Uckermark sich immer noch in einem unwürdigen Zustand befinden und nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Originalbauten aus der Zeit des Lagers verfallen.
Die Überlebenden des Konzentrationslagers und ihre Angehörigen sind traurig darüber, daß - wie gerade erst in den letzten Tagen geschehen - hier in Fürstenberg öffentlich die Meinung vertreten wird, es sei 'nicht wesentlich, immer größere Flächen und Mauern im Boden zu Gedenkorten zu erklären, deren Gestaltung und Erhaltung nicht mehr bezahlbar' sei. Ich erinnere an die großen KZ-Gedenkstätten in Polen, in der Tschechischen Republik, in Österreich, in Frankreich, die bezahlbar sind. Warum soll es ausgerechnet in Deutschland nicht möglich sein, die authentischen Orte der Konzentrationslager zu erhalten und würdig zu gestalten? Wir sind auch traurig darüber, daß dieser Tage ein Abgeordneter des Brandenburgischen Landtages im Zusammenhang mit der Diskussion um die Ortsumgehung in Fürstenberg öffentlich meinte, die Gedenkstätte dürfe nicht zur 'Geisel' für die Stadt werden, und die Vergangenheit nicht zum 'Menetekel' für die Zukunft. Wer angesichts der Verbrechen von Ravensbrück eine solche Meinung vertritt, hat aus der Vergangenheit nichts gelernt. Solche Äußerungen sind Wasser auf die Mühlen von Rechtsextremisten und Neonazis. Das KZ-Areal von Ravensbrück muß in seiner Gesamtheit erhalten bleiben, - zum Gedenken an die Opfer, - zur Erinnerung an das unermeßliche Leid, das hier Menschen zugefügt wurde und - als Mahnung für zukünftige Generationen.
Fürstenberg, 21. April 2002
© Lagergemeinschaft Ravensbrück/ Freundeskreis e.V.