Liebe Kameradinnen und Kameraden,
Sehr verehrte Anwesende,
Liebe Gäste,
Eines der schlimmsten Verbrechen der Faschisten war, dass man Mütter mit ihren Kindern oder Kinder allein und schwangere Frauen in die KZ´s verschleppte. Ich begrüße ganz herz-lich die anwesenden Kameradinnen und Kameraden, die als Kinder oder Säuglinge hier in Ravensbrück leben mussten und überlebt haben.
Was die Kinder im Lager durchmachen mussten, wird sie ihr Leben lang verfolgen und nicht mehr loslassen. Sie werden aber auch die Solidarität ihrer älteren Kameradinnen gespürt ha-ben und dies ganz besonders an Weihnachten 1944, als unsere Kameradin Anni Sindermann den Kameradinnen den Vorschlag unterbreitete, zu versuchen, für die Kinder eine Weih-nachtsfeier durchzuführen, was von vielen sehr begrüßt wurde. Es war ein kleiner Lichtblick für die Kinder, und für sie war es ein glücklicher Tag, denn unsere Kameradinnen bemühten sich, den Kindern viel Freude zu bereiten und den Alltag des KZ´s für kurze Zeit vergessen zu lassen.
Anfang 1945 gingen wieder viele Transporte von Ravensbrück nach Bergen-Belsen und für viele Kinder war die Weihnachtsfeier 1944 die letzte in ihrem kurzen Leben. Leider ist es immer - auch heute wieder - so, dass Kinder und alte Menschen Opfer von Kriegen werden. So war es in Jugoslawien, so ist es jetzt in Afghanistan und so ist es auch in anderen Ländern, wo Kriege geführt werden., die durch Verhandlungen und gegenseitiges Verständnis verhin-dert werden könnten.
Liebe Anwesende,
Was am 11. September 2001 in den USA geschah, ist ein sehr schlimmes Verbrechen und unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Toten, doch meine ich, dass die Schuldigen, wenn man sie einwandfrei ermittelt hat, vor ein ordentliches Gericht gehören, und dass man nicht glaubt, das Recht zu haben, Kriege zu führen und Länder in Gute und Böse einzuteilen. Die-ses Recht steht auch dem Präsidenten der USA nicht zu.
Laut Präsident Bush gibt s für ihn sieben Zielländer für einen möglichen Atomwaffeneinsatz. Ein Geheimpapier besagt, dass der Einsatz von Atomwaffen etwa im Nahostkonflikt, auf der koreanischen Halbinsel oder bei einem Angriff Chinas auf Taiwan nötig werden könnte. Als mögliche Aggressoren werden Iran, Irak, Nordkorea sowie Syrien, Libyen und China ge-nannt. Die Beziehungen zu Russland hätten sich zwar gebessert, doch müsse das russische Arsenal an Atomwaffen als Bedrohung betrachtet werden. Was will Präsident Bush mit die-sen Drohungen erreichen? Die USA haben doch selbst genügend Atomwaffen und in Deutschland lagern davon auch noch viele.
Hoffentlich bleibt die Bundesregierung dabei, dass die Atomwaffenarsenale abgebaut werden müssen. Und hier ist wirklich Druck notwendig. Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye sagte: Wir sind entschieden dafür, die nuklearen Potenziale zurückzuführen. Hoffentlich meint man es ernst damit!
Parteien-Vertreter von CSU bis PDS haben sich schon über die Informationspolitik der Bun-desregierung in Sachen Bundeswehreinsätze und Einsätze des Kommandos Spezialkräfte be-klagt. Es hieß, der KSK-Einsatz sei nicht vom erteilten Mandat des Bundestages gedeckt. Mit dem Bundestagsbeschluss vom 6. 11. 2001 wurde aber der Einsatz von ca. 100 Spezialkräften frei gegeben. Der Bundestag hat der Bundesregierung für mindestens ein Jahr für den Einsatz von 3900 konkret benannten Bundeswehrsoldaten, die auf einem Drittel des Globus agieren können, freie Hand gegeben. Hier stellt sich die Frage: Haben wir aus unserer jüngsten Geschichte überhaupt nichts ge-lernt? Sind wir denn nur noch Befehlsempfänger der USA?
Was sich im Nahen Osten abspielt, ist eine Tragödie. Täglich sterben Menschen und es nimmt kein Ende. Was mit westlicher Hilfe für die Palästinenser aufgebaut wurde, wird zerstört. Es müssen doch ganz verzweifelte Menschen sein, die sich selbst in die Luft sprengen und un-schuldige Menschen noch mitnehmen. Um das Töten zu beenden, ist es dringend erforderlich, den Palästinensern endlich ihren Staat zu geben, in dem sie sich sicher fühlen. Viele Israelis sind für diese Lösung, denn sie böte auch ihnen die Chance, ebenfalls in Frieden zu leben.
Blinder Hass vernebelt die Blicke.
Nach wie vor erleben wir neofaschistische Überfälle und Friedhofsschändungen. Das sind alles Verbrechen, denn das Verbrechen des Faschismus beginnt nicht erst, wenn Menschen zu Tode kommen. Es beginnt, wenn das Recht des Stärkeren und des Profits über das Recht aller Menschen auf Leben in Würde und sozialer Sicherheit gestellt wird. Es beginnt, wenn Men-schen nicht mehr gleich gelten, sondern sortiert werden in Arier und Juden, Deutsche und Ausländer, nützliche Greencard-Anwärter oder unnütze Flüchtlinge, Gesunde oder Behin-derte. Der Faschismus beginnt in den Köpfen, er beginnt, wenn bei viel zu vielen als normal gilt, was niemals normal sein darf. Wir halten es nicht für normal, dass in unserem Land fast täglich Menschen beleidigt, gehetzt, verprügelt, verbrannt und totgeschlagen werden.
Wir halten es nicht für normal, dass jüdische Synagogen angezündet, die Friedhöfe und Gedenkstätten von damals geschändet werden. Und ich halte es auch nicht für normal, dass deutsche Soldaten wieder in andere Länder ziehen, um dort angeblich unsere Vorstellungen von Menschenrechten oder welche Interessen auch im-mer mit Bomben durchzusetzen versuchen.
Dem Krieg und dem Faschismus zu wehren und zu widerstehen, die Gleichheit der Menschen und die Demokratie zu achten, auch das Menschenrecht auf Asyl, das ist der Auftrag des Grundgesetzes, das entstanden ist, als die Erinnerung an die Verbrechen des Faschismus noch frisch war. Alle, denen die Menschen wichtig sind, müssen gemeinsam handeln, egal, welcher Partei, welcher Konfession und welcher Nationalität, gegen Rassismus und Gewalt, gegen Faschis-mus und Krieg.
Diese Haltung und diesen Kampf sind wir den Überlebenden und den Toten von Ravens-brück, insbesondere auch den Überlebenden, die als Kinder in Ravensbrück Opfer waren, schuldig. Damit auch deren Kinder, Enkel und die nachfolgenden Generationen nie wieder solche Gräuel erleben müssen.
Fürstenberg, 21. April 2002
© Lagergemeinschaft Ravensbrück/ Freundeskreis e.V.